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 Der traurige Weihnachtsmann 

 

Es war einmal vor langer, langer Zeit ein ganz, ganz trauriger Weihnachtsmann. Einmal im Jahr holte man ihn aus der Versenkung hervor, damit er allen Menschen Freude bereiten konnte und dann verschwand er wieder für ein grausig langes Jahr in seinem Kabuff und wurde von niemandem mehr angeguckt.

Das nervte unseren Weihnachtsmann sehr, denn viel lieber wäre es ihm gewesen, wenn er das ganze Jahr über auf sich aufmerksam gemacht hätte. Aber alle machten ihm immer wieder klar, dass das nun einmal nicht ging. Ein Weihnachtsmann tut seine Werke eben nur am Heiligen Abend. Schweren Herzens musste er das wohl akzeptieren. Ob er nun wollte oder nicht.

In diesem Jahr hatte man ihn auch wieder losgeschickt. Ab durch den dunklen Wald und hinaus in die festlich beleuchtete Stadt, um den vielen kleinen Kindern der Stadt die bunt verpackten Gaben zu bringen.

Es war der Nachmittag des Heiligen Tages und der Weihnachtsmann stapfte müde und allein durch den schneebedeckten Tannenwald.

„Das ist doch alles doof“, dachte er bei sich. „Da mühe ich mich nun den lieben, langen Tag so schwer mit diesen blöden Geschenken ab und welchen Dank erhalte ich dafür? Keinen. Nichts, nicht einmal die leiseste Anerkennung. 

Wozu mache ich das ganze Theater hier überhaupt noch mit?“ überlegte er und setzte sich auf einen umgekippten Baumstamm, um erst einmal über seine Lage nachdenken zu können.

Eine ganze Weile saß der Weihnachtsmann so da, ohne das er zu einer befriedigenden Lösung gekommen wäre. Und bei der ganzen Grübelei wurde er immer trübsinniger. Dabei musste er sich eigentlich sputen, denn viele, viele Kinder warteten schon sehnsüchtigst auf seine Ankunft. Aber in diesem Jahr ließ der Weihnachtsmann ganz schön auf sich warten.

Zu allem Überfluss fing es auch noch an zu schneien und bald war seine schöne, rote Zipfelmütze nicht mehr rot, sondern weiß vom Schnee. Aber der Weihnachtsmann bemerkte das überhaupt nicht. Traurig und versonnen und mit sich und dem Lauf der Welt unzufrieden saß er da auf seinem Baumstamm.

„Weihnachtsmann“, sagte da eine liebliche Stimme aus dem Hintergrund plötzlich. „Du musst dich doch aufmachen und in die Stadt gehen. Du musst deine Pflicht erfüllen und den Kindern wie in jedem Jahr die Gaben bringen.“

„Ach, lass' mich doch in Ruhe“, grummelte der Weihnachtsmann, hob aber trotzdem etwas den Blick. Und was er da sah, verschlug ihm fast den Atem.

Er wusste ja, dass Weihnachtsmänner sich zur Weihnacht nur verkleiden und es Weihnachtsmänner eigentlich nicht gibt - und deshalb glaubte er auch nicht an Feen und Elfen und andere Märchenwesen.

Aber dieses Etwas, dass da jetzt vor ihm stand, musste dem letzten Märchenbuch entsprungen sein. Vor ihm stand die liebliche, kleine Blumenelfe Holandia, die im ganzen Land allgemein bekannt war durch die vielen guten Taten, die sie ständig vollbrachte.

Ihr Kleidchen schimmerte golden und auch ihre Haare, das wie Engelshaar weich über ihre Schultern floss. Tausend oder noch mehr klitzekleine Sternchen umtanzten sie.

Es war ein wunderschöner Anblick, der den Weihnachtsmann faszinierte, aber auch völlig irritierte.

„Wer bist denn du?“ fragte der Weihnachtsmann erstaunt, aber doch schon etwas freundlicher.

„Ach, das tut eigentlich nichts zur Sache“, antwortete die Blumenelfe Holandia. „Ich möchte dir nur weiterhelfen, Weihnachtsmann.“

„Quatsch, mir ist nicht mehr zu helfen“, brummte er in seinen dicken Rauschebart hinein.

„Jedermann kann geholfen werden, wenn er willens ist, dass ihm geholfen wird“, sagte die Blumenelfe zuckersüß. Und ein wenig später setzte sie hinzu: „Auch dir!“

„Na, das will ich ja mal sehen, du verrücktes Wesen. Ich weiß ja noch nicht einmal, ob du überhaupt in Wirklichkeit existierst. Vielleicht bilde ich mir ja auch gerade nur ein, das du hier vor mir stehst und mit mir redest.“ Und der Weihnachtsmann lachte hämisch.

„Lieber, guter Weihnachtsmann – du bist nur etwas frustriert, weil du noch nicht erkannt hast, das es nur einmal die Aufgabe eines Weihnachtsmannes ist, jedes Jahr am Heiligen Abend die Kinder zu erfreuen.“

„Das weiß ich sehr wohl“, sagte der Weihnachtsmann mit Nachdruck. „Nur habe ich keine Lust, nach dem Heiligen Abend wieder in der Ecke zu verstauben.“

„Aber Weihnachtsmann – das liegt doch wohl einzig und allein an dir. Warum ziehst du nicht nach Weihnachten einfach deinen Mantel wieder aus und fühlst dich als ganz normaler Mensch, der du ja auch bist. Dann brauchst du nicht zu verstauben.

Und wenn du dir ein wenig Mühe gibst, wirst du sehen, dass du von allen Menschen auch außerhalb des Heiligen Tages geliebt wirst. Und zwar an jedem Tag des Jahres. Nicht nur am Heiligabend, wenn du in deiner berühmten Verkleidung steckst“, sagte die kleine Blumenelfe mit leiser Stimme, aber doch sehr bestimmt.

Der Weihnachtsmann musste einen Moment nachdenken. Da war etwas Wahres dran. So ganz Unrecht hatte dieses schillernde Wesen dort nicht. „Na gut,“ sprach er nach einiger Zeit. „Und wie kannst du mir jetzt helfen, damit ich auch zu dieser Einsicht gelange?“

 „Das ist ganz einfach. Ich nehme meinen Zauberstab und dann wirst du vom Zauber der Erkenntnis berührt.“

„Na, wenn das so einfach ist, du entzückendes Wesen, dann beeile dich. Vielleicht kann ich dann heute noch meine Pflichten erfüllen.“

Und die Blumenelfe zückte ihren Zauberstab, legte ihn auf die Schultern des Weihnachtsmanns und flüsterte:

„Zabzerab, der Bart ist ab,

dieser Weihnachtsmann wird groß und stark,
genau wie ich sie gerne mag.“

Und der Weihnachtsmann richtete sich plötzlich auf und sagte: „Ich spüre auf einmal eine unendliche Kraft in mir. Danke dir, kleine Glücksfee. Ich spüre jetzt in meinem Herzen eine Lösung. Darauf habe ich vorher nicht so viel geachtet. Hab' vielen, vielen Dank!"


Und prompt drehte er sich um und machte sich schnurstracks auf den Weg in die Stadt, wo die Kinder schon auf ihn warteten.

„Schön, dass er es endlich kapiert hat,“ dachte die Blumenelfe bei sich, während sie ihm hinterher schaute. „Manchmal dauert es eben, bis aus einem Muttersöhnchen ein richtiger Weihnachtsmann geworden ist.“

Und zufrieden mit ihrer Arbeit machte sie sich auf den Weg zu ihrem nächsten, dringenden Fall.

Der Weihnachtsmann feierte in diesem Jahr das schönste Weihnachtsfest, das er jemals erlebt hatte. Die Kinder waren scheinbar nie so fröhlich gewesen wie in diesem Jahr und alle genossen den Heiligabend aus tiefstem Herzen.

Als der Heilige Abend vorbei war, hängte der Weihnachtsmann seinen Mantel und die rote Zipfelmütze zwar wieder an den Nagel, aber er ging nicht in sein altes Kabuff zurück, um dort bis zum nächsten Jahr zu verstauben. Nein, er machte sich auf und erfreute sich und seine Mitmenschen das ganze Jahr über.

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