Gudrun Anders - ganzheitliche Unternehmensberatung

Leben und arbeiten - im Einklang mit dir und der Natur!

Im Zauberland der Schmetterlinge

 

Es war einmal ein alter Ackergaul namens Jolante, der seine Dienstzeit bereits beendet hatte. Jolante lebte bei einem ebenfalls schon sehr alten Bauernehepaar ganz weit draußen auf dem Land. Eigentlich konnte man gar nicht mehr zählen, wie alt der Ackergaul war, jedenfalls war er schon sehr alt und entsprechend schon ein wenig klapprig.

Jolante stand den ganzen Tag auf der Wiese herum, wenn das Wetter schön, aber nicht zu warm war und im Stall, wenn es regnete. Es war ein langweiliges Leben. Und wenn Jolante an frühere Zeiten dachte, als sie noch jung gewesen war, dann wurde sie wehmütig und sehnte die gute alte Zeit herbei.

Eines Tages zog es Jolante hinaus auf die Wiesen. Sie war müde. Sehr müde um es genau zu sagen. Und Jolante war der Meinung, dass jetzt ihre Zeit gekommen war, wo sie Abschied nehmen musste von der guten alten Erde, um eingehen zu können in den ewigen Kreislauf des Lebens.

Ihre Schritte waren schleppend und müde und der graue Bart hing ihr bis fast an den Boden, so sehr neigte sie ihren Kopf herab. Vorteilhaft war diese Gangart ganz bestimmt nicht, denn so verpasste der alte Ackergaul fast einen wunderschönen Wasserfall, der in einiger Entfernung zu sehen und zu hören war.

Aber Jolante, der alte Ackergaul, nahm ihn wahr und beschloss, so kurz vor dem Ende ihres Lebens noch einmal diesen wunderschönen Anblick von nahem zu genießen. Und so trabte sie langsam näher.

Dort angekommen war sie überwältigt von dieser prachtvollen Schönheit, die der Wasserfall ausstrahlte. So viel Kraft und Leben! Schön! Und sie wünschte sich, dass auch sie noch einmal so viel Kraft haben würde.

Da Jolante durstig war, beugte sie ihren Kopf herab und trank etwas von dem kristallklaren, frischen Wasser und löschte so ihren Durst. Und weil Jolante müde war, bemerkte sie nicht, dass dort unten eine kleine, grüne Raupe auf der Erde saß, die nur auf diesen Augenblick gewartet hatte.

Schwuppdiwupp klammerte sich die kleine, grüne Raupe an dem langen Bart von Jolante fest und krabbelte langsam, Stück für Stück, am Bart höher und höher, bis sie am Ohr des Ackergauls angelangt war.

Dort angekommen flüsterte sie, um den Ackergaul nicht zu erschrecken: „Hallo, mein Freund. Ich bin Pips, die kleine Raupe. Ich möchte in das Wunderland hinter dem Wasserfall, denn ich habe gehört, dass dort Wunder geschehen sollen. Würdest du mich dort hinbringen? Ich allein schaffe es nicht, denn ich würde unter dem vielen Wasser des Wasserfalls ertrinken.“

Ein wenig irritiert war Jolante schon, denn es ist ja nun nicht gerade alltäglich, dass man eine Raupe im Ohr sitzen hat, die einem auch noch zuflüstert, dass sie durch den Wasserfall gebracht werden will – und dann auch noch in ein Wunderland, wo es Wunder doch nun wirklich nicht auf der Welt gibt.

Jolante schüttelte den Kopf, aber sofort fiel ihr ein, dass ja dann die Raupe aus dem Ohr fallen könnte und so ließ sie es wieder sein. Statt dessen wieherte sie leise, was in der Raupensprache etwa so viel hieß, als wenn Jolante der Raupe noch nicht glaubte.

„Bitte, lieber Ackergaul. Ich glaube, es wird auch dein Schaden nicht sein, wenn du mitkommst. Wir könnten dort bestimmt gute Freunde werden. Lass’ es uns doch wenigstens versuchen!“ jammerte Pips, die Raupe, und deutlich konnte man einen weinerlichen Unterton vernehmen. 

Jolante überlegte einen Moment, aber dann gab sie ihr Einverständnis und fragte die Raupe, wie sie das am besten machen sollten. Die Raupe erklärte es Jolante ganz genau und dann klammerte sie sich im Ohr des Ackergauls fest und es ging los.

Das Wasser prasselte auf Jolante hernieder und es schmerzte beinah schon ein wenig. Aber sie schnappte tief Luft und marschierte durch das stürmische Wasser hindurch. Als sie die Luft kaum noch anhalten konnte und schon die Lungen schmerzten, sah sie ein Licht und ihre Schritte wurden schneller. Und dann war sie plötzlich wieder draußen.

Es war herrlich! Ein Blick über ein zauberhaftes Land. Das musste das Paradies sein! Frische Frühlingsluft, ein wunderschöner Duft ringsherum und ein unendliches Meer von herrlichen Blüten in allen nur erdenklichen Farben. Was für eine Pracht! Jolante konnte sich gar nicht sattsehen.

Auch Pips kam aus dem Ohr wieder heraus gekrochen und schüttelte sich erst einmal. Und dann staunte auch sie nicht schlecht, denn so etwas herrliches hatte sie noch nie in ihrem Leben gesehen.

„Oh, das ist ja noch herrlicher als ich es mir in meinen kühnsten Träumen zu träumen gewagt hatte!“ rief die Raupe begeistert und seufzte tief. Und auch Jolante konnte dem nur zustimmen.

Plötzlich kam ein Schmetterling auf sie zu und hielt kurz vor ihnen an. „Guten Tag und herzlich Willkommen im Zauberland der Schmetterlinge. Hier bei uns ist alles leicht. Aber leider dürfen hier nur Schmetterlinge leben. Für andere Tiere ist es verboten,“ sagte der Schmetterling, der hübsch in vielen bunten Farben schillerte.

„Aber ich würde doch so gern hier bleiben,“ jammerte die Raupe. „Alles würde ich dafür tun!“

„Oh, ja, ich auch!“ sagte Jolante, die sich blitzschnell überlegt hatte, dass sie dieses Leben hier auch gern eintauschen würde gegen das triste Leben auf dem Bauernhof. „Nun gut, dann gibt es für euch nur eine Möglichkeit. Ihr müsst Schmetterlinge werden!“ erwiderte der Schmetterling, der vor ihnen stand.

„Ja, ja, das wollen wir werden,“ sagten Pips und Jolante im Chor. „Dafür würden wir alles tun.“

„So viel ist gar nicht notwendig,“ sagte der Schmetterling und sprach eine Zauberformel, die die beiden nicht verstanden. Es gab einen merkwürdigen Knall und dann waren der Ackergaul Jolante und die Raupe Pips zu wunderschönen Schmetterlingen geworden.

„Das ist ja phantastisch!“ rief der Schmetterling Pips aus. „Das ich das noch erleben darf!“ Und auch der Schmetterling Jolante war begeistert und flatterte aufgeregt hin und her.

„Ich wünsche euch viel Freude im Zauberland der Schmetterlinge!“ rief der Schmetterling, der sie vorhin begrüßt hatte und schon flatterte er davon.

Und Jolante und Pips machten sich gemeinsam auf den Weg. Sie untersuchten das ganze Land, fanden viele neue Freunde und lebten ein ganzes glückliches Schmetterlingsleben im Zauberland der Schmetterlinge.

(c): Gudrun Anders